ἐπί · ἵστημι · -τήριον

ΕΠΙΣΤΗΡΙΟΝ

Epistrion  / e · pís · tri · on /  Substantiv

Der Ort, an dem man steht, um zu wissen.

EIN GEMACHTES WORT  ·  IN KEINEM WÖRTERBUCH

α΄ · ἡ λέξις

Ein fehlendes Wort

Das Griechische ist eine Sprache der Räume. Wo eine Handlung Gewicht hatte, baute die Sprache ihr den Ort aus der Handlung selbst: ein Verb, und dahinter das Suffix -τήριονder Ort, an dem es geschieht. Das Sehen hatte sein θέατρον. Das Richten hatte sein δικαστήριον. Beraten, Arbeiten, Beten: jede Handlung bekam eine Adresse.

Ein Raum wurde nie gebaut. Es gibt kein altes Wort für den Ort, an dem das Wissen geschieht — als geschähe die Erkenntnis allein im Nirgendwo, stünde auf keinem Boden, wäre zu haben, ohne irgendwo zu stehen.

Epistrion nennt diesen Raum. Sie werden es in keinem Wörterbuch finden. Es musste gemacht werden.

β΄ · ἐπίσταμαι

Wissen heißt stehen

Das klassische Verb für wissen ist ἐπίσταμαι, epístamai. Zerlegt ergibt es ἐπί, auf, und ἵστημι, stehen. Etwas zu wissen heißt, in der ältesten Grammatik, die wir für das Wissen besitzen, darauf zu stehen.

Das ist keine poetische Deutung, sondern die schlichte Anatomie des Wortes — und die Metapher hat jedes Reich überlebt, das sie sprach. Nur eine Sprache hat sie nie vergessen: die deutsche wohnt bis heute in ihr. Ver-stehen — das Stehen steht im Wort selbst. Der Verstand. Der Standpunkt. Wer etwas begründet, gibt ihm Boden unter die Füße; ein Argument, das nichts taugt, ist haltlos, und ein gutes steht fest. Wissen erweist sich, wo immer man das Wort öffnet, als Stand.

Platon zog die Grenze mit genau diesen Worten. Die Meinung — die δόξα — treibt dahin; im Menon sagt er, wahre Meinungen laufen davon wie die Statuen des Daidalos, solange man sie nicht anbindet. ἐπιστήμη, Wissen, ist das Festgemachte: das, was steht. Der Unterschied zwischen Glauben und Wissen ist der Unterschied zwischen Treiben und Stehen.

γ΄ · -τήριον

Das Suffix der Orte

Fügt man einem Verb -τήριον an, bekommt die Handlung Boden, Wände, eine Tür. Die Reihe ist vollkommen regelmäßig. Nur ihre letzte Zeile blieb zweitausend Jahre leer:

Ortswörter nutzen sich auf Reisen ab. μοναστήριον, westwärts gewandert durch Latein und Altenglisch, kam als minster an. ἐπιστήριον, auf derselben Straße glattgeschliffen, kommt an als epistrion.

δ΄ · ποῦ;

Grund und Abgrund

Das Deutsche besitzt ein Wort, das die ganze Sache in zwei Silben trägt: der Grund. Es meint den Boden — und es meint die Begründung. Grund und Boden, Grund und Ursache: dasselbe Wort. Wer nach dem Warum fragt, fragt wörtlich: Worauf steht das? Der alte Satz vom Grund — nichts ist ohne Grund — ist, beim Wort genommen, ein Satz über Statik: Nichts steht, das nirgends steht. Und wo der Boden fehlt, sagt das Deutsche Abgrund.

Auch das Denken des Ortes wurde auf Deutsch weitergetrieben: Heidegger nannte den Menschen Da-sein — nicht Sein schlechthin, sondern Sein an einem Da, je schon irgendwo. Es gibt keinen Blick von nirgendwo. Was ein Geist sehen kann, bestimmt sich danach, wo er steht, und jedes Zeitalter, auf seinem eigenen Grund stehend, hat die Aussicht von dort die Wahrheit genannt. Als Michel Foucault einen Namen für den Grund suchte, auf dem eine ganze Epoche steht, griff er zu derselben griechischen Wurzel: épistémè.

Das Epistrion ist also nicht der Ort, an dem die Wahrheit verwahrt wird. Es ist der Grund unter einer Behauptung. Über alles, was gewusst sein will, lassen sich zwei Fragen stellen, und die zweite wird weit seltener gestellt, als sie verdient: Ist es wahr? — und: Wo muss einer stehen, um das zu sehen?

ε΄ · γνῶθι

Die Maxime

Zwei Worte waren über der Tür von Delphi eingemeißelt:

γνῶθι σεαυτόν erkenne dich selbst
γνῶθι ποῦ ἵστασαι wisse, wo du stehst

Das Epistrion verlangt die fehlende Koordinate — nicht als Warnung, sondern als Definition: Zu wissen, wo man steht, ist der Anfang allen Stehens. Das Wort auf dieser Seite benennt den Raum, in dem Sie bis hierher gelesen haben.

Sie stehen jetzt darin.